Lesen lernen in Deutschland: der komplette Ratgeber für Eltern
Wann das Lesenlernen beginnt, was Kinder vorher brauchen, wie die Schule vorgeht (Fibel, Anlauttabelle) und wie du zu Hause begleitest, ohne dem Unterricht in die Quere zu kommen. Mit dem, was die Forschung sagt, und mit dem Streit, den es dazu gibt.
1. Ab wann lernen Kinder lesen?
In Deutschland lernen Kinder das Lesen und Schreiben in der Regel systematisch in der ersten Klasse (mit etwa 6 bis 7 Jahren). Im Kindergarten stehen die Vorläufer im Mittelpunkt: Laute, Silben, Buchstaben, Wortschatz, Freude an Büchern. Was am Ende der Grundschulzeit erwartet wird, beschreiben die Bildungsstandards der KMK für Klasse 4: Kinder lesen »leise und laut, automatisiert, genau, sinngestaltend und zügig«, sie erlesen unvertraute Wörter anhand größerer Einheiten wie Silbe oder Morphem, und sie lesen dem Lernstand entsprechende Texte sinnverstehend. Wie die Länder diese Ziele auf die Schuljahre verteilen, regeln ihre Lehrpläne.
Auch die Forschung spricht nicht für Eile. In einer Studie aus Neuseeland (Suggate, Schaughency und Reese, 2013) hatten Kinder, die mit fünf Jahren formal Lesen lernten, und Kinder, die damit erst mit sieben begannen, etwa mit elf Jahren ein gleichwertiges Leseniveau. Ein früherer Start brachte keinen dauerhaften Vorsprung.
Manche Kinder lesen schon mit vier oder fünf Jahren von sich aus, weil sie sich stark für Buchstaben interessieren. Wenn das auf dein Kind zutrifft, begleite es: Beantworte Fragen, lege Bücher bereit, aber mach keine Pflichtübung daraus. Wenn nicht, ist das ebenso in Ordnung.
Grobe Orientierungen (jedes Kind hat sein eigenes Tempo, jede Schule ihr eigenes Vorgehen):
- 3–4 Jahre: hört gern Geschichten, erkennt den eigenen Namen und einzelne Buchstaben
- 4–5 Jahre: spielt mit Reimen und Silben, kennt mehrere Buchstaben, »schreibt« auf seine Weise
- 5–6 Jahre: ordnet Buchstaben Laute zu und liest erste Silben und Wörter, wenn die Kita das schon aufgreift
- 6–7 Jahre (Klasse 1): systematisches Lesenlernen; die ersten Wörter und Sätze werden mit Mühe erlesen
- 7–8 Jahre (Klasse 2): zunehmend flüssiges Lesen kurzer Texte
- Ab 8 Jahren: Lesen wird zum Werkzeug zum Lernen und zum Vergnügen
2. Die vier Grundlagen vor dem Lesen
Bevor ein Kind sicher liest, müssen mehrere Fähigkeiten zusammenkommen. Fehlt eine, wird das Lernen mühsamer.
2.1 — Phonologische Bewusstheit. Das ist die Einsicht, dass Wörter aus Lauten bestehen: dass sich »Haus« und »Maus« reimen, dass »Schmetterling« vier Silben hat oder dass »Sonne« mit /s/ beginnt. Die Silbe ist ein guter Einstieg: Silben lassen sich klatschen und schwingen, und die KMK-Standards sehen vor, dass Kinder unvertraute Wörter anhand von Silben erlesen; erst danach folgen die einzelnen Laute. Das National Early Literacy Panel (2008) zählt die phonologische Bewusstheit zusammen mit der Buchstabenkenntnis zu den Fähigkeiten, die das spätere Lesen am besten vorhersagen.
2.2 — Buchstabenkenntnis. Jeden Buchstaben in Groß- und Kleinschreibung kennen und den Laut, für den er steht. Wenn ein Kind nur den Buchstabennamen kennt (»Em«), tut es sich schwerer, »Mama« zu erlesen. Beim Üben stehen daher meist die Laute im Vordergrund; die Buchstabennamen kommen parallel oder später.
2.3 — Sprache und Wortschatz. Ein Kind kann ein geschriebenes Wort nur verstehen, wenn es das gesprochene kennt. Sprechen, erzählen, fragen und vorlesen bauen den Wortschatz auf, der später das Verstehen trägt. Die Meta-Analyse von Bus, van IJzendoorn und Pellegrini (1995) fand, dass die Häufigkeit des Vorlesens mit der Sprachentwicklung, den ersten Schritten in Richtung Lesen und Schreiben und der späteren Leseleistung zusammenhing.
2.4 — Aufmerksamkeit und Lust. Lesen verlangt, eine Weile bei der Sache zu bleiben. Das übt man mit Brettspielen, Puzzles, ruhig gehörten Geschichten und vor allem mit angenehmen Leseerlebnissen. Ein Kind, das Bücher mit einem ruhigen, liebevollen Moment verbindet, startet im Vorteil.
3. Wie die Schule vorgeht: Fibel, Anlauttabelle und der Streit darum
Wie Lesen und Schreiben in Klasse 1 vermittelt werden, entscheidet in Deutschland die Schule im Rahmen des Lehrplans ihres Landes. Grob gibt es drei Wege, die in der Praxis oft gemischt werden:
- Fibellehrgang: Die Buchstaben werden in festgelegter Reihenfolge eingeführt, Laute zu Silben und Wörtern zusammengefügt, Lesen und Schreiben laufen gemeinsam. Fehler werden meist von Anfang an korrigiert.
- Anlauttabelle und »Lesen durch Schreiben« (Reichen, 1988): Die Kinder schreiben von Anfang an selbst gewählte Wörter mithilfe einer Anlauttabelle (Bild und Anlaut zu jedem Buchstaben) und lesen dabei mit. Fehler werden zunächst oft nicht korrigiert.
- Mischformen: Fibeln, die mit einer Anlauttabelle arbeiten, oder Klassen, die erst mit Tabelle schreiben und später systematisch zur Rechtschreibung hinführen.
Wie verbreitet ist das? Eine für Deutschland repräsentative Befragung von Lehrkräften im Rahmen von PIRLS 2016 (Bremerich-Vos und Wendt, 2019) ergab, dass rund 70 % der Viertklässler im Deutschunterricht der Grundschule mit einer Laut- oder Anlauttabelle gearbeitet hatten. Die meisten Lehrkräfte kombinieren sie mit anderem Material, etwa Fibeln, und sie sind unterschiedlicher Meinung darüber, wann Rechtschreibfehler korrigiert werden sollten. Es ist also wahrscheinlich, dass dein Kind einer Anlauttabelle begegnet.
Was sagt die Forschung? Die umfassendste internationale Übersicht (Castles, Rastle und Nation, 2018; mehr als 300 Studien und Berichte) kommt zu einem Ergebnis mit Nuancen: Das systematische Vermitteln der Zuordnung von Buchstaben und Lauten verbessert das Entschlüsseln, die Rechtschreibung und das Leseverstehen, reicht aber allein nicht aus; Kinder brauchen auch Wortschatz, Sprachverstehen und viele Leseanlässe. Außerdem sei systematischer Unterricht in transparenten Schriftsprachen einfacher als in undurchsichtigen wie dem Englischen.
Und der deutsche Streit? Eine Bonner Dissertation (Kuhl, 2020) verglich in Nordrhein-Westfalen die Rechtschreibleistungen von mehr als 3 000 Grundschulkindern aus 12 Schulen, die mit einer Fibel, mit »Lesen durch Schreiben« oder mit der »Rechtschreibwerkstatt« unterrichtet wurden. Die Kinder der Fibelgruppe schnitten im Durchschnitt besser ab: Nach Angaben der Bonner Forschungsgruppe (Röhr-Sendlmeier, 2019) machten die Kinder der »Lesen durch Schreiben«-Gruppe am Ende von Klasse 4 55 % mehr Rechtschreibfehler, die der Rechtschreibwerkstatt-Gruppe 105 % mehr. Die Lese- und die Schreibmotivation waren in allen Gruppen gleich.
Diese Studie ist umstritten. Hans Brügelmann (2020) hält ihre Aussagekraft für begrenzt: Die Ansätze seien nicht sauber definiert, der tatsächliche Unterricht sei nicht beobachtet worden, die Gruppen seien weder zufällig gebildet noch gezielt vergleichbar gemacht worden, und gemessen wurde nur die Rechtschreibung im Diktat, nicht die Qualität freier Texte, das Lesen oder die Selbstständigkeit. Nach den bundesweiten Normen der Hamburger Schreib-Probe entsprachen die »Lesen durch Schreiben«-Kinder in der Studie der bundesdeutschen Norm. Brügelmann sieht darin keine empirische Grundlage für ein Verbot und betont, es komme nicht auf das Ob, sondern auf das Wie des lautorientierten Schreibens an. Einige Kultusministerien haben den Einsatz von »Lesen durch Schreiben« dennoch untersagt.
Was bedeutet das für dich? Der Forschungsstand ist nicht abschließend, und die Methode allein entscheidet nicht über den Erfolg. Praktisch hilft dir Folgendes:
- Frag die Klassenleitung, wie in Klasse 1 vorgegangen wird (Fibel, Anlauttabelle, Mischform) und wann und wie Rechtschreibfehler korrigiert werden
- Unterstütze in dieselbe Richtung, nicht dagegen: Wer zu Hause eine andere Methode übt, bringt das Kind unter Umständen durcheinander
- Unabhängig vom Verfahren bleiben Laut-Buchstaben-Zuordnung, Silben, Wortschatz und viel Lesen die Basis
- Wenn dein Kind anfangs nach Gehör schreibt: Das ist ein Zwischenschritt. Die Bildungsstandards erwarten am Ende der Grundschule eine weitgehend korrekte Rechtschreibung mit Strategien und Nachschlagen; bis dahin helfen freundliche Hinweise auf die richtige Schreibung, ohne das Kind zu überfordern
4. Vom Entschlüsseln zum flüssigen Lesen: die Phasen
Lesenlernen ist kein einzelner Moment, sondern ein Prozess. Das Phasenmodell von Linnea Ehri (1995) beschreibt vier Schritte, die helfen, »hat angefangen« nicht mit »kann lesen« zu verwechseln:
- Prä-alphabetische Phase. Das Kind »liest« Logos, Schilder und seinen Namen an der Form, ohne zu entschlüsseln. Das ist normal, aber noch kein Lesen.
- Teil-alphabetische Phase. Es kennt einige Buchstaben und Laute und nutzt sie nur zum Teil, oft die ersten und letzten Buchstaben eines Wortes.
- Voll-alphabetische Phase. Es entschlüsselt alle Buchstaben eines Wortes. Das Lesen ist langsam, laut und Silbe für Silbe, fast alle Aufmerksamkeit geht ins Entschlüsseln.
- Konsolidierte Phase. Es erkennt Buchstabengruppen und ganze Wörter auf einen Blick; das Lesen wird schneller und leiser, und es bleibt Aufmerksamkeit zum Verstehen frei.
Wer Silbe für Silbe liest, ist erst auf halbem Weg. Es fehlt noch die Flüssigkeit, und die kommt durch Übung, nicht durch Druck. Dabei läuft das Lernen nicht immer der Reihe nach und nicht bei allen gleich schnell: Dasselbe Kind kann eine bekannte Geschichte flüssig lesen und bei einem neuen Text stocken.
5. Zu Hause begleiten: sieben Gewohnheiten
Deine Rolle ist groß, auch wenn sie manchmal falsch verstanden wird. Diese sieben Gewohnheiten helfen, ohne den Unterricht zu stören.
- Jeden Tag vorlesen. Etwa 15 Minuten, mit Lust, Bilder anschauen und besprechen. Dasselbe Buch darf oft wiederkehren: Bei jedem Mal lernt das Kind etwas anderes (Wörter, Aufbau, Rhythmus).
- Gespräche führen. Offene Fragen (»Was war heute das Lustigste?«, »Warum hat er das gemacht?«), abwechslungsreiche Wörter, zuhören bis zum Ende.
- Mit Lauten spielen. »Wörter, die mit /m/ beginnen«, »Was reimt sich auf Hase?«, »Wie viele Silben hat Schmetterling?« Fünf Minuten am Tag genügen.
- Buchstaben anfassen. Magnetbuchstaben am Kühlschrank, Holz- oder Kartonbuchstaben, aus denen das Kind seinen Namen und einfache Wörter legt.
- Das Kind auf seine Weise schreiben lassen. Ein Zettel mit eigenen Buchstaben, eine Einkaufsliste, ein »ICH LIEB DICH«. Wer »ELFNT« für »Elefant« schreibt, weiß schon, dass Buchstaben Laute abbilden (Ferreiro und Teberosky, 1979). Freu dich darüber, statt jeden Buchstaben zu korrigieren.
- Im Alltag lesen. Schilder, Verpackungen, die Speisekarte, den eigenen Namen. Wer den Nutzen sieht, hat mehr Lust.
- Abwechselnd lesen. Sobald das Kind entschlüsseln kann, lest abwechselnd eine Seite. So übt es, ohne zu ermüden, und du gibst ihm ein Vorbild für flüssiges Lesen.
6. Sechs Fehler, die das Lernen bremsen
6.1 — Buchstabennamen statt Laute üben. Wer nur weiß, dass »M« »Em« heißt, versucht »Ma« als »Em-A« zu lesen. Übe zuerst den Laut (/mmm/) und verbinde danach den Namen.
6.2 — Jeden Lesefehler korrigieren. Wenn ein Kind »Schokolade« mit Zögern Silbe für Silbe erliest, leistet es viel. Wer jedes Stolpern verbessert, verbindet Lesen mit Falschmachen. Lass Fehler durchgehen, die den Sinn nicht verändern, und greif nur ein, wenn es stecken bleibt.
6.3 — Weiterüben, wenn das Kind nicht will. Ein müdes Kind lernt am Abend wenig und verbindet Bücher mit Pflicht. Fünf Minuten mit Lust bringen mehr als zwanzig erzwungene.
6.4 — Zu schwere Bücher wählen. Wenn es bei vielen Wörtern pro Seite hängt, ist das Buch zu schwer und frustriert. Wähle Texte, die es mit mäßiger Anstrengung lesen kann, und lies die schwierigen selbst vor.
6.5 — Raten lassen. Wenn das Kind aufs Bild oder auf den ersten Buchstaben schaut und das Wort erfindet, ermuntere es, die Buchstaben zu lesen und zu verbinden. Raten gewöhnt daran, den Text nicht anzuschauen.
6.6 — Vergleichen. In einer Klasse sitzen Kinder, die im Januar, und solche, die im Dezember geboren sind. Unterschiede im Tempo sind groß und normal. Vergleichen erzeugt nur Druck.
7. Flüssigkeit und Verstehen: was nach dem Entschlüsseln kommt
Viele Eltern hören auf zu begleiten, sobald das Kind »schon lesen kann«. Das ist ein Fehler: Die wichtigsten Fähigkeiten entstehen gerade danach.
Flüssigkeit heißt genau, in angemessenem Tempo und mit Betonung zu lesen. Sie wächst durch wiederholtes Lesen: einen kurzen Text mehrmals mit Unterstützung lesen, bis er flüssig läuft. Der National Reading Panel (2000) fand, dass angeleitetes, wiederholtes lautes Lesen die Flüssigkeit, die Worterkennung und das Verstehen positiv beeinflusste. Viele Klassen nutzen als Hilfe farbige Silbenbögen, die das Erlesen größerer Wörter erleichtern.
Verstehen. Ein Kind kann genau lesen und nichts verstehen. Verstehen hängt von Wortschatz, Vorwissen und Aufmerksamkeit ab. Frag nach dem Lesen: Was ist passiert? Warum hat die Figur das getan? Was wäre passiert, wenn …? Solche Fragen lehren, über das Gelesene nachzudenken.
Freude. Das ist das eigentliche Ziel. Die KMK-Standards sagen es selbst: Der Förderung von Lesefreude durch Vorlesen und eigenes Lesen kommt eine besondere Bedeutung zu. Lass dein Kind auswählen (Comics, Zeitschriften, Tierbücher, Geschichten), geht gemeinsam in die Bibliothek, und lies selbst vor ihm: Das ist das beste Vorbild.
8. Wann du genauer hinschauen solltest: Schwierigkeiten und Lese-Rechtschreib-Störung
Die Tempi unterscheiden sich stark und gleichen sich meist mit der Zeit an. Manche Anzeichen sind aber ein Grund, früh nachzufragen:
- Nach einiger Zeit Unterricht in Klasse 1 und mit Übung ordnet das Kind Buchstaben noch immer keinen Lauten zu oder liest kein kurzes Wort
- Es fällt ihm sehr schwer, mit Lauten zu spielen: Reime, Silben, den Anlaut eines Wortes nennen
- Es liest mit großer Anstrengung und sehr langsam, während Mitschülerinnen und Mitschüler schon flüssig lesen
- Es lehnt Lesen dauerhaft ab, mit Weinen oder Wut
- Es entschlüsselt gut, versteht aber nichts vom Gelesenen
- In der Familie gibt es Lese- oder Rechtschreibschwierigkeiten (das erhöht die Wahrscheinlichkeit)
Solche Anzeichen können mit einer Lese-Rechtschreib-Störung (LRS, auch Legasthenie genannt) zusammenhängen: einer spezifischen, anhaltenden Schwierigkeit, Wörter genau und flüssig zu erlesen und richtig zu schreiben, die meist mit der Verarbeitung der Laute der Sprache zusammenhängt. Mit Intelligenz oder fehlendem Fleiß hat sie nichts zu tun. Eine Diagnose stellen qualifizierte Fachkräfte (etwa aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Psychologie oder einem Sozialpädiatrischen Zentrum), und sie beruht nie auf einem einzelnen Anzeichen.
Was du tun kannst: Sprich zuerst mit der Klassenleitung, die sieht, wie dein Kind in der Klasse liest, und frag nach der schulpsychologischen Beratung. Mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt solltest du auch Seh- und Hörprobleme ausschließen. Förderung und Nachteilsausgleich regeln die Länder unterschiedlich; frag die Schule nach den Regeln deines Landes. Je früher eine Schwierigkeit erkannt wird, desto wirksamer sind meist die Hilfen.
Was dich nicht beunruhigen muss: dass dein Kind b und d, p und q verwechselt oder einen Buchstaben spiegelverkehrt schreibt (bei Anfängerinnen und Anfängern häufig, es legt sich meist mit Übung), dass es langsamer liest als andere oder am Ende der Kita noch nicht liest.
9. Eine Woche mit zehn Minuten am Tag
Wenn du einen konkreten Plan willst, der nicht überfordert, hier ein Vorschlag für 5 bis 6 Jahre, den du an das anpasst, was die Kita oder Schule gerade macht:
- Montag: eine Geschichte vor dem Schlafen und ein Reimspiel
- Dienstag: Silben klatschen bei fünf Wörtern aus dem Haushalt und den Namen nachspuren
- Mittwoch: mit Magnetbuchstaben drei einfache Wörter legen
- Donnerstag: eine Geschichte und Fragen dazu: Was ist passiert, und warum?
- Freitag: ein Abschreibblatt, das dein Kind selbst aussucht
- Wochenende: keine Arbeitsblätter; Bibliothek, Geschichten und freies Spiel
Passe das Tempo an die Stimmung an. Ein schlechter Tag fällt aus; die Geschichte vor dem Schlafen bleibt.
Quellen
- KMK: Bildungsstandards für das Fach Deutsch, Primarbereich (Beschluss vom 15.10.2004, i. d. F. vom 23.06.2022): Lesen, Lesefreude, Schreiben.
- National Early Literacy Panel (2008). Developing Early Literacy: Report of the National Early Literacy Panel. National Institute for Literacy.
- Castles, A., Rastle, K. & Nation, K. (2018). Ending the reading wars: reading acquisition from novice to expert. Psychological Science in the Public Interest, 19(1), 5-51.
- Bremerich-Vos, A. & Wendt, H. (2019). Zur Nutzung von Laut- bzw. Anlauttabellen im Deutschunterricht der Grundschule. Zeitschrift für Angewandte Linguistik, 70, 19-35.
- Kuhl, T. (2020). Rechtschreibung in der Grundschule. Eine empirische Untersuchung der Auswirkungen verschiedener Unterrichtsmethoden. Springer VS.
- Röhr-Sendlmeier, U. M. (2019). Schreiblerndidaktiken. Discussion Paper 2/2019, Institut für Psychologie, Universität Bonn.
- Brügelmann, H. (2020). »Schreiben, wie man spricht« – ein sinnvoller Einstieg in den Schriftspracherwerb. Einordnung der Ergebnisse der »Bonner Studie«. peDOCS, DOI 10.25656/01:20390.
- Seymour, P. H. K., Aro, M. & Erskine, J. M. (2003). Foundation literacy acquisition in European orthographies. British Journal of Psychology, 94(2), 143-174.
- Bus, A. G., van IJzendoorn, M. H. & Pellegrini, A. D. (1995). Joint book reading makes for success in learning to read: a meta-analysis on intergenerational transmission of literacy. Review of Educational Research, 65(1), 1-21.
- Suggate, S. P., Schaughency, E. A. & Reese, E. (2013). Children learning to read later catch up to children reading earlier. Early Childhood Research Quarterly, 28(1), 33-48.
- Ehri, L. C. (1995). Phases of development in learning to read words by sight. Journal of Research in Reading, 18(2), 116-125.
- National Reading Panel (2000). Teaching Children to Read: An Evidence-Based Assessment of the Scientific Research Literature on Reading and Its Implications for Reading Instruction. NICHD.
- Ferreiro, E. & Teberosky, A. (1979). Los sistemas de escritura en el desarrollo del niño. Siglo XXI.
Häufige Fragen
+Ab welchem Alter sollte mein Kind lesen können?
Dafür gibt es kein festes Alter. Das systematische Lesenlernen beginnt in Klasse 1 (6 bis 7 Jahre); die Flüssigkeit kommt in den folgenden Schuljahren. Die Bildungsstandards erwarten flüssiges, verstehendes Lesen erst am Ende von Klasse 4. Wenn dein Kind in Klasse 2 kaum Fortschritte macht, sprich mit der Klassenleitung.
+Soll ich vor der Einschulung schon mit dem Lesenlernen anfangen?
Nicht nötig, außer dein Kind verlangt es. Besser sind die Vorläufer: Laute und Silben, Buchstaben, Wortschatz, Geschichten und Gespräche. Und frag die Schule, welches Verfahren sie nutzt, um ihm nicht zu widersprechen.
+Welche Methode ist die beste: Fibel oder Anlauttabelle?
Das ist in Deutschland umstritten. Eine große Übersicht (Castles, Rastle und Nation, 2018) fand, dass systematischer Unterricht in Laut-Buchstaben-Zuordnung hilft, aber allein nicht ausreicht. Die Bonner Studie sah bei der Rechtschreibung Vorteile für Fibelkinder; Kritiker halten ihre Aussagekraft für begrenzt. Frag die Klassenleitung nach dem Vorgehen und unterstütze in dieselbe Richtung.
+Was ist eine Anlauttabelle?
Eine Tabelle mit Bildern, deren Anlaut zu jedem Buchstaben passt (zum Beispiel Affe für A). Kinder nutzen sie, um selbst gewählte Wörter lautgetreu aufzuschreiben. Nach Bremerich-Vos und Wendt (2019) arbeitet ein Großteil der Grundschulkinder zumindest zeitweise damit.
+Mein Kind schreibt viele Wörter »falsch«. Ist die Anlauttabelle schuld?
Nicht unbedingt. Am Anfang schreiben Kinder, wie sie hören; das ist ein Zwischenschritt. Frag die Lehrkraft, wann und wie die Rechtschreibung gezielt eingeführt wird. Wenn die Probleme lange und deutlich anhalten, hol dir Rat bei der Klassenleitung oder der schulpsychologischen Beratung.
+Mein Kind verwechselt b und d. Ist das normal?
Bei Anfängerinnen und Anfängern ist das häufig, und es legt sich meist mit Übung. Sprich die Schule an, wenn es nach längerer Zeit deutlich anhält oder mit weiteren Leseschwierigkeiten einhergeht.
+Wie viel soll mein Kind täglich lesen?
Eine praktische Orientierung: etwa 15 Minuten Vorlesen am Tag, und sobald das Kind entschlüsseln kann, fünf bis zehn Minuten eigenes Lesen in einem ruhigen Moment. Wichtig sind Regelmäßigkeit und Freude.
+Mein Kind liest gut, versteht aber nichts. Was tun?
Das kommt am Anfang oft vor. Übe das Verstehen mündlich: Lies vor und stell Fragen, erweitere den Wortschatz, sprich über Gelesenes. Wenn der Abstand in Klasse 2 bleibt, sprich mit der Schule.
+Mein Kind will nicht lesen. Wie wecke ich das Interesse?
Hör auf zu bewerten und ständig zu korrigieren; lass es das Format wählen (Comics, Zeitschriften, Tierbücher); lies selbst vor ihm; such Bücher zu seinem Lieblingsthema; verkürze die Lesezeiten. Wenn die Ablehnung alt und anhaltend ist, hol dir Rat, denn dahinter kann eine Schwierigkeit stecken.
+Wann sollte ich bei Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten Hilfe holen?
Wenn dein Kind nach Unterricht und Übung Buchstaben und Laute nicht verbindet, mit Lauten kaum spielen kann, sehr mühsam liest oder es in der Familie Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten gibt. Sprich mit der Klassenleitung und der schulpsychologischen Beratung; eine Diagnose stellen Fachleute, und sie beruht nie auf einem einzelnen Anzeichen.
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